Wenn zu fortgeschrittener Stunde an abendlichen Fußballstammtischen die Tagesaktualität abgearbeitet ist, die Champions League-Spiele beendet und die vorletzten Gläser geleert sind, kommt die Sprache häufig auf Grundsätzliches: „Warum bist Du eigentlich Fan von … ? “ werden primär jene anwesenden Fußballexperten befragt, die sich keinem mehrheitsfähigen Verein wie dem FC Bayern, Borussia Dortmund oder regional zumindest naheliegenden Alternativen wie Hannover 96 oder dem Hamburger SV zuordnen lassen.

Als Fan des VfL Bochum kam ich in solchen Situationen jahrelang in Erklärungsnot, bis der Journalist und VfL-Fan Christoph Biermann die Erlösung in Form eines äußerst treffenden Zitats lieferte: „Sieger waren mir schon immer unsympathischer als Verlierer, die interessant zu scheitern wissen“, begründete er seine hoffnungslose Liebe zu einem Verein, der seinen Anhängern noch keine Titel, jedoch stets neue, verrückte Geschichten des Scheiterns zu liefern vermag.

Würde Christoph Biermann seinem VfL abtrünnig und benötigte auf der Suche nach einer neuen fußballerischen Heimat Unterstützung, hätten wir einen heißen Kandidaten: Die JSG Schwarz-Gelb, seit dieser Saison gemeinsame A-Junioren-Spielgemeinschaft zwischen dem I.SC Göttingen 05 und dem Bovender SV. Die Historie beider Vereine weist nicht wenige Geschichten des „interessanten Scheiterns“ auf, sei es in letzter Minute verpasste Aufstiege, tränenreiche Abstiegsdramen oder wie im Falle des BSV das 33-jährige Warten auf den ersten Gewinn des eigenen Hallenturniers.

Die Liebe zu einem Verein wird nicht durch die Anzahl an Titeln, glanzvollen Europapokalsiegen oder einem prall gefüllten Geschäftskonto bestimmt. Prägend sind vielmehr singuläre Ereignisse, an die man sich auch noch nach zehn oder zwanzig Jahren zurückerinnern kann und die zumeist tragikomische Wendungen im Spannungsfeld zwischen Glück und Pech bzw. Erfolg und Misserfolg beinhalten.

Bei trüben Witterungsbedingungen lieferte die JSG Schwarz-Gelb gestern das Musterbeispiel eines 90-minütigen Dramas, wie es nur der Fußball schreiben kann. Gegen das Spitzenteam aus Wolfenbüttel hielt die taktisch neu formierte Mannschaft in den ersten 45 Minuten mit Willensstärke dagegen, rettete das gerechte 0:0 in die Pause, um nach dem Seitenwechsel die wohl besten 25 Minuten der bisherigen Saison zu spielen: Sören „Ich schlenze jede Woche mit meinem schwachen linken Fuß ein Traumtor in den Winkel“ Böy traf zum 1:0, kurz darauf sorgte Julian Meyfarth nach perfekt getimter Flanke von Tim Strüber für das 2:0, dem Mohammed Harir sogar das 3:0 folgen ließ. Auf dem Spielfeld spielten sich Szenen überschäumender Freude ab, Trainer und Betreuer lagen sich in den Armen, schickten dem dienstlich verhinderten Coach Gerd Müller ohrenbetäubende Sprachnachrichten und hatten allgemein die Hoffnung, das wochenlang ausgebliebene Glück würde endlich zum Tüchtigen zurückkehren.

Das „interessante Scheitern“ begann 15 Minuten vor Abpfiff, als Wolfenbüttel unverhofft zum 1:3 kam und der zu diesem Zeitpunkt toten Gegner wieder zum Leben erwachte. In der hektischen Schlussphase verloren wir den Überblick, bekamen zwei weitere Gegentreffer und hätten dennoch fast noch das 4:3 Siegtor erzielt: Sören Boy traf per Fernschuss das Lattenkreuz. Schließlich reckte der Schiedsrichter nach 90 Minuten die Hand empor und signalisierte 5 Minuten Nachspielzeit. Wir hingen in den Seilen, waren nach Roter Karte gegen Gzim Krasniqi nur noch zu zehnt, mussten nach verletzungsbedingtem Ausfall von Jonas Müller die Viererkette umstellen, zwei weitere Spieler hielten trotz Krämpfen noch durch.

Interessant zu scheitern“ kann manchmal einfach nur unglaublich bitter sein. Der VfL Bochum hatte vor knapp 10 Jahren die einmalige Jahrhundertchance, in die Gruppenphase der Europa League einzuziehen und durch die damit verbundenen Einnahmen dauerhaft die Zugehörigkeit zur 1. Bundesliga zu sichern. Beim Stande von 1:0 gegen Standard Lüttich wechselte Peter Neururer kurz vor Schluss den Brasilianer Edu ein. Dieser hatte keinen einzigen Ballkontakt mehr – doch mit einem entscheidenden Kontakt hätte er das Leder per Befreiungsschlag auf die Tribüne befördern und dem VfL den größten Erfolg der Vereinsgeschichte sichern können. Der Ball rollte auf ihn zu, Edu holte aus und schlug ein unerklärliches Luftloch, sehr zur Freude des Gegners der direkt zum 1:1 Ausgleich abschloss. Die womöglich entscheidende Millisekunde, in der sich das langfristige Vereinsschicksal entschied, endete zu Ungunsten des VfL und im Stadion konnte man damals eine Stecknadel fallen hören. Interessantes Scheitern kann grausam sein.

In Wolfenbüttel befanden wir uns in der 5. Minute der Nachspielzeit und hatten noch einmal die letzten Körner in die Waagschale geworfen. Keeper Leon Hass rettete in höchster Not zur Ecke und nur noch ein einziges Mal hätten wir den Ball irgendwohin kloppen müssen. Es kam, wie es kommen musste: die Flanke segelte auf den zweiten Pfosten, wir wehrten in die Mitte ab, schlugen das Edu-Luftloch und der Gegner staubte zum 4:3 Siegestor ab. 3:4 nach 3:0-Führung, das musste erstmal verdaut werden.

Doch unsere JSG Schwarz-Gelb, die sich seit Monaten im Training quält, immens hart arbeitet und aus wirklich vorbildlichen Fußballern besteht, wird auch dieses fußballerisch tragische Erlebnis verarbeiten, so wie es Vereine, die „interessantes Scheitern“ als Definitionsmerkmal für sich entdeckten, stets taten: Mit Stolz auf die eigene Leistung, mit einer gesunden Portion Selbstironie („Das schaffen wir nächste Woche nochmal.“) und mit der Gewissheit, dass einem solche Ereignisse nicht den Spaß am Fußball nehmen können. Jeder einzelne Spieler hat im Laufe der letzten Monate gezeigt, dass auf ihn Verlass ist und wir mit einem recht kleinen Kader teilweise überzeugende Qualität auf den Rasen bringen können. In den Ergebnissen spiegelt sich dies aktuell noch nicht wieder, allerdings in der Bewunderung des Trainer- und Betreuerteams für diese Mannschaft: Von derlei Nackenschlägen hätten sich andere Teams niemals erholt, doch unsere Spieler sind bei knapp 90% Trainingsbeteiligung motivierter denn je.

Vereine, die interessant zu scheitern wissen“, ist sicherlich kein Attribut, das man in Pokale für den Trophäenschrank umsetzen kann. Aber gewiss ein Merkmal, das nicht nur Menschen wie Christoph Biermann zu schätzen wissen.

BERICHT VON DANIEL VOLLBRECHT

Über den Autor: Danny Klemme-Boy

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